Welte

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Der neue Welte

Welte Fahrzeugbau wollte die dritte Generation ihres Forstspezialschleppers W130 eigentlich auf der KWF-Expo in Hessen zeigen. Weil das aus bekannten Gründen nicht klappt, ließ sich unser Autor Johannes Sebulke die Maschine kurz vor Auslieferung im Umkircher Welte-Werk erklären.

Der neue W130 wirkt so kompakt und wendig wie der alte, obwohl die Motorhaube größer geworden ist. Welte hat sich entschlossen, den für Abgasstufe 5 zusätzlich zum SCR-Katalysator noch erforderlichen Feinstaubfilter unter der Haube unterzubringen. Dort ist er geschützt ist und stört die Forstarbeit nicht. Wenn man die Abdeckung öffnet, sieht man eigentlich nur noch Komponenten der Abgasnachbehandlung - der Dieselmotor versteckt sich irgendwo darunter. 
Die größere Motorhaube fällt nach vorn stark ab. Deshalb ist die Sicht aus der Kabine auch bei Straßenfahrt gut geblieben. Das Gleiche gilt für den Blick durch die Panoramascheibe nach hinten, wenn der Fahrer mit Kran und zur Klemmbank arbeitet. Von der neuen Abgasnorm erwartet Welte-Geschäftsführer Joscha Nühnen beim Treibstoffverbrauch zwar eine leichte Einsparung, trotzdem hat Welte den Tankinhalt für Diesel um etwa 30 % erhöht, um die Einsatzdauer des Fahrzeugs ohne Nachtanken zu erhöhen. 
Der Partikelfilter des neuen Motors hat eine angenehme Nebeneigenschaft: er dämpft auch die Motorgeräusche. Wie Entwicklungsleiter Armin Riesle mitteilt, hat der TÜV in der Kabine bessere Werte als beim Vorgängermodell gemessen. Einen Anteil daran hätten aber auch die neu ausgelegte Schwingungsdämpfung zwischen Dieselmotor und Rahmen sowie die neue Kabinenfederung. Hier ist Welte einen eigenen Weg gegangen. Andere Hersteller bieten aktive Kabinenfederungen an, die tendenziell immer mehr Sensoren, Hydraulikventile und Regelungen für die Hydraulikzylinder benötigen. Welte setzt dagegen auf eine passive Kabinenfederung ohne Elektronik und Hydraulik. Das Ergebnis ist eine Kombination aus Schraubenfeder und Stoßdämpfer, ähnlich der bei einem Kraftfahrzeug. "Wir erreichen damit eine spürbare Reduzierung der Schwingungen ", erklärt Nühnen und verweist auch auf den "vernünftigen Preis" der Lösung.

Es bleibt beim SIB-Getriebe

Welte hat sich bei der Weiterentwicklung des W130 eingehend damit befasst, ob das stufenlose SIB-Getriebe (Schalten in Bewegung) weiter entwickelt werden sollte oder ob ein CVT-Getriebe die bessere Wahl wäre. Am Ende blieb der Umkircher Hersteller beim bewährten SIB. Der Grund: CVT-Getriebe sind für Fahrzeuge prädestiniert, die häufig längere Strecken fahren müssen, zum Beispiel Ackerschlepper oder auch Forwarder. Weil sie darüber hinaus je nach Getriebetyp auch hydrounterstützt oder rein hydraulisch anfahren, nimmt man dafür aber einen erhöhten Aufwand in Kauf. 
Das SIB-Getriebe von Welte eignet sich schwerpunktmäßig für Rückeschlepper, für die das hydrostatische Anfahren, Bremsen und Reversieren nach wie vor die Hauptbeanspruchung ist. Zugleich wollen sie öfters mal schnell fahren, ohne dass die Hydraulikverluste zu hoch werden. "Lange Umsetztungsfahrten auf der eigenen Achse versuchen die Fahrer zu vermeiden", ist Nühnen überzeugt. Darum hat sich Welte entschieden, bei seiner SIB-Lösung zu bleiben, diese aber völlig neu auszulegen. 
Zur Erinnerung: Das SIB-Antriebssystem ist ein rein hydrostatischer Antrieb mit einem nachgeschalteten rein mechanischen Zweigang-Getriebe, das man während der Fahrt schalten kann. Ein Gangwechsel ist im grünen Überlappungsbereich möglich. Der Schaltvorgang erfolgt automatisch nach der Gangvorwahl durch den Fahrer. Beim Schaltvorgang im grünen Bereich wird die Last reduziert, der Leerlauf eingeschaltet, die Hydraulikdrehzahlen neu eingeregelt, der neue Gang wird eingelegt, und die Zugkraft im neuen Gang wird wirksam. Das Ganze dauert nur eine Sekunde. Diese reicht für die Einregelung von Dieselmotor, Hydraulikmotor und -pumpe, Getriebe, Sensoren, CAN-Bus-Datenübertragung und CPU-Laufzeit. Das Zugkraft-Drehmoment-Diagramm zeigt einen quasi stufenlosen Verlauf von Null bis zur Höchstgeschwindigkeit über beide Fahrbereiche hinweg. "Durch den schnellen Gangwechsel während der Fahrt können wir den Hydromotor immer in einem verbrauchsgünstigen Drehzahlbereich halten", sagt Nühnen. Zusätzliche Sicherheit bietet das Getriebe, weil es im Notfall auch ohne die Schaltautomatik funktioniert: Man kann in jedem Fall weiterarbeiten, nur eben mit Stillstandschaltung statt SIB. 

Duo-Hydromotor

Herzstück des SIB-3.0-Antriebes ist ein neuer Hydromotor in Doppelbauweise. Dabei handelt es sich eigentlich um zwei Hydromotoren, die in einem Gehäuse sitzen und auf eine gemeinsame Verstellscheibe arbeiten. Die Kolbendrücke stützen sich dabei zum Teil aufeinander ab, was sie Reibung an den Stützflächen vermindert und den Wirkungsgrad erhöht. Der neue Motor machte auch eine Neuauslegung des Getriebes erforderlich, Die Zahnradauslegung entspricht jetzt der nächst höheren Getriebebaustufe. Die Ergebnisse der Neuauslegung für den Kunden sind:

  • Die Zugkraft ist 25 %höher als bisher. Dadurch kann man jetzt auch bei der Rückearbeit länger und kraftvoller mit dem zweiten Gang arbeiten. 
  • Bei Straßenfahrt oder längeren Rückeentfernungen kann man den Eco-Modus anwählen, bei dem der Diesel langsamer und damit verbrauchsgünstiger dreht als im Arbeits- oder im Hangmodus.
  • Um ersten Gang kann man jetzt stufenlos 0-14 km/h schnell fahren
  • Der gewünschte Gang kann vorgewählt werden, die automatische Schaltung erfolgt, wenn die Fahrgeschwindigkeit sich im grünen Bereich bewegt und wenn Teillast vorliegt. 


S-Serie von Epsilon

Auf den ersten W130 der neuen Generation hat Welte den Rückekran S120R72 von Epsilon aufgebaut, mit 7,2 m  Reichweite, einem Netto-Lastmoment von 114 kNm und einem Schwenkmoment von 36 kNm. "Unser neuer W130 korrespondiert gut mit der S-Serie von Epsilon", sagt Nühnen. Es gibt jetzt eine klare Zuordnung: für den W100 die M-Serie, für die Baureihe W130 die S-Serie und für den W210 die X-Serie. Der W130 ab der dritten Generation eignet sich jetzt für den Aufbau der Epsilon-Krane S110R und S120R. Er kommt damit auf Nettolastmomente bis 119 kNm, Schwenkmomente bis 36 kNm und Reichweiten bis 9,6 m.

WelControl 2.0

WelControl 2.0 ist die Steuerung für die gesamte Maschine, regelt also den Dieselmotor, den Fahrantrieb und die Arbeitsaufbauten wie Kran und Winde. Sie hat jetzt zwei Displays. Das kleinere an der Frontscheibe ist für die Straßenfahrt gedacht und zeigt nur die dafür wichtigen Funktionen an, wie etwa die Fahrgeschwindigkeit.
Das größere Display befindet sich an der Kabinenrückseite. Der Fahrer kann es je nach seiner bevorzugten Arbeitsposition nach links oder rechts verschieben. Auf das mitdrehende Display am Drehsitz hat Welte verzichtet, um dem Fahrer die maximale Bewegungsfreiheit zu geben. Im hinteren Display kann der Fahrer die verschiedensten Masken aufrufen, von den Betriebsdaten über die Einstelldaten bis hin zu einem Hilfe-Modus. Eine Besonderheit ist, dass man alle Funktionen entweder per Touchscreen oder mit einem Drehknopf einstellen kann. Wenn sich der Servicetechniker bei Welte zur Fernwartung in das System einwählt, sieht er denselben Bildschirm vor sich wie der Fahrer vor Ort. Das erleichtert die Diagnose und die Kommunikation. Komfortabel sind auch die folgenden neuen Funktionen: 

  • Beim Verlassen des Fahrzeugs kann man einen Scheinwerfer automatisch noch einige Minuten anlassen (Coming home),
  • oder als Option beim Kommen schon aus der Ferne einschalten (Leaving home),
  • oder den Batterieschalter automatisch ausschalten lassen (damit man nicht zu warten braucht, bis die AdBlue-Leitungen leer gepumpt sind).


Der Praxistest

Mitte Mai hat Welte das Fahrzeug an den Forstunternehmer Michael Hund geliefert. Er hat in der Ortenau mit Feuchtgebieten in den Rheinauen und Hanglagen im nahen Schwarzwald zu tun. Die Rückeentfernungen betragen oft 200 m und mehr. Daher schätzt er SIB und wechselt auch für diese kurzen Strecken schnell mal in den zweiten Gang. Wegen der stärkeren Zugkraft der Maschine rückt bei ihm ein weiterer Gedanke ins Blickfeld: Im eher flachem Gelände kann man bei der Rückearbeit über weite Strecken ganz im zweiten, sparsamen Gang bleiben und braucht überhaupt nicht mehr zu schalten. Der erste Gang fungiert dann als Geländeuntersetzung, die man bei Bedarf schnell einlegen kann. 

Der vollständige Artikel von Johannes Sebulke ist in der Zeitschrift "Fost & Technik" erschienen, Ausgabe Nr. 6 Juni 2020